Die Allgegenwärtigkeit von Stress und Erschöpfung
In den letzten Jahren wurden zahlreiche Konzepte aus Neurowissenschaft und Psychologie populär. Besonders Begriffe, die mentale und psychische Gesundheit erklären, werden häufig benutzt und sind mittlerweile regelrechte Schlagworte geworden.
Mentale und psychische Gesundheit scheinen die Achillesferse des modernen Lebens zu sein.
Das Bewusstsein für diesen Aspekt von Gesundheit gewinnt immer mehr an Bedeutung, da gefühlt auch die psychischen Leiden immer akuter werden.
Du beobachtest das wahrscheinlich ebenfalls in deinem persönlichen Umfeld:
- *Erschöpfung
- *Burnout
- *Depressionen
- *Angsterkrankungen/ Panikattacken
- *chronic Fatigue
- *Überforderung
- *Zukunftsangst
- *Stresssymptome
All das beschäftigt sowohl Experten im Gesundheitswesen, in der Wissenschaft aber natürlich auch dich und mich und unser Umfeld in zunehmendem Maße.
Bei meiner Arbeit fällt mir immer und immer wieder auf, dass Erschöpfung und Überlastung allgegenwärtig sind. Viele Menschen, die meine Hilfe suchen würde ich dabei in die Kategorie „feinfühlig“
oder gar „hochsensibel“ einordnen.
Und ich frage mich so langsam, ob diese besondere Sensibilität nicht einfach ganz normal ist?

Normkonform?!
Wir befinden uns im Land der DIN – Normen. Alles hat eine bestimmte Größe, Menge, Reihenfolge. Ablauf, Format.
Baumaterialien sind normiert, so dass überall das gleiche Maß gilt.
Ein DIN A4 Blatt ist immer ein DIN A4 – Blatt, egal, in welchem Schreibwarengeschäft ich es kaufe.
Das hat den Vorteil, dass ich mich auf konstante Größe, Qualität und Prozesse verlassen kann, gleichgültig wo in Deutschland ich mich gerade befinde.
Daneben haben sich Staaten auf international geltende Normen geeinigt, besonders relevant vor allem im Flugverkehr. Weltweit gelten einheitliche Standards bei Flugsicherung und Überwachung des
Luftraumes und es wird in einer Sprache kommuniziert.
Es ist also egal, ob ich auf Madeira oder in Australien lande, Pilotinnen und Bodenpersonal können überall einheitlich miteinander kommunizieren und so die Sicherheit im Flugverkehr
garantieren.
In diesen Bereichen ist es sehr sinnvoll einheitliche Standards gerade auch weltweit einzuführen und zu vereinbaren, dass alle Teilnehmer sich daran halten. Das bringt
Sicherheit, Vertrauen und räumt Missverständnisse aus. Und es hat sich bereits über viele Jahre etabliert und bewährt.
Ursprünge von Standardisierung
Bereits in vorchristlicher Zeit gab es die Bestrebungen, Gewichte und Maße zu vereinheitlichen, um Fairness und Vertrauen zwischen Fremden herzustellen.
Der große Sprung der Normierung kam dann mit der Industrialisierung, speziell mit dem Ausbau des Eisenbahnnetzes. Jede Stadt hatte vorher eine eigene Zeit, dadurch kam es zu fatalen,
katastrophalen Bahnunglücken. Man einigte sich auf die Standardzeit und eine einheitliche Spurweite der Gleise, die weltweit gilt. So konnten funktionierende Fahrpläne erstellt werden und
Eisenbahnen im einen Land gebaut werden, um im anderen Land zu fahren.
Diese Art der Standardisierung ist wirklich genial und aus unserer modernen Welt überhaupt nicht mehr wegzudenken, macht sie doch Kommunikation, Verbindung und gemeinsames Wirtschaften global
möglich.
Der Normmensch
Etwas anderes ist es jedoch, wenn diese zumeist technisch, mechanischen, strukturellen Regulierungen auf biologische Systeme wie den Menschen übertragen werden, indem festgelegt wird, wie der „Standardmensch“ aufgebaut ist, wie er auszusehen hat, wie er sich zu verhalten hat und vieles mehr.

Natürlich gibt es auch in uns als biologische Wesen Prozesse, vor allem was Stoffwechsel und Regulationsmechanismen angeht, Abläufe, die immer gleich sind.
Haben wir Hunger wird bei uns allen das Hormon Ghrelin ausgeschüttet, welches signalisiert, dass jetzt mal Zeit ist, etwas zu essen.
Doch auf gesellschaftlicher Ebene finde ich es durchaus schwierig eine Normierung für den „Standardmenschen“ festzulegen, da es für individuelles Erleben und Verhalten extrem enge Grenzen setzt,
die in der Wirklichkeit in keinster Weise so existieren.
Und hier schließt sich der Kreis zur Einleitung: „Was ist eigentlich normal?“ Und wer definiert, was „normal“ ist?
In meiner Heilpraxis erlebe ich immer wieder, wie variantenreich menschliches Verhalten, Wahrnehmung, Verarbeitungsprozesse und Erleben ist. Wie oben bereits festgestellt, gelange ich zunehmend
zu dem Schluss, dass das Label „Hochsensibilität“ eigentlich auf nahezu jede Person zutrifft.
Es gibt niemanden, der nicht in irgendeinem Bereich besonders feinfühlig ist. Zumindest habe ich so jemanden noch nicht kennengelernt.
Was ist eigentlich Neurodivergenz?
Seit einiger Zeit etabliert sich der Begriff „Neurodivergenz“ zunehmend in der öffentlichen Debatte um Verhaltens- und Wahrnehmungsnormen, vor allem in den sozialen Medien.
Vielleicht ist er dir auch schon einmal über den Weg gelaufen. Es existieren zahlreiche Videos, Reels und Beiträge dazu.
Aktuell wird in der Diskussion um die Besonderheiten von Reiz – und Wahrnehmungsverarbeitung in „neurotypisch“ und „neurodivergent“ unterschieden.
- Neurotypisch ist quasie das „Standardmodell der Gehirnfunktion“. Neurotypische Menschen verarbeiten statistisch gesehen Informationen, Reize und soziale Signale so, wie es die Mehrheit tut.
- Menschen, die dem neurodivergenten Spektrum zugeordnet werden, wozu auch Feinfühligkeit, Autismus, ADHS und Hochsensibilität zählen, müssen im Alltag mehr Energie aufwenden, um Erwartungen zum Beispiel in Schule, Beruf und sozialem Miteinander zu erfüllen.

Aber mal ganz ehrlich:
⚖️ Welche Person arbeitet wirklich gerne in Großraumbüros?
⚖️Welches Kind lernt wirklich besser, wenn es sechs Stunden am Stück still sitzen muss?
⚖️Wer muss sich nicht in irgendeiner Form der erwarteten Norm anpassen?
⚖️Wie oft ignorierst du die Grenzen deiner Aufmerksamkeit, weil die Schulstunde noch nicht zu Ende war, der Arbeitstag noch 5 Stunden und weiterhin Konzentration von dir einforderte?
⚖️Wie oft überschreitest du deine Kapazitäten im Bereich sozialer Kontaktfreude, weil gerade eine Teamsitzung, ein Meeting oder eine Familienfeier ansteht?
Diese vermeintliche Norm wurde historisch gesehen irgendwann einmal von einer statistischen Minderheit (elitär, weiß, männlich,…) festgelegt und gilt seither als „typisch“, „normal“, „angepasst“.
Und für diesen Menschentyp funktionieren die geschaffenen Strukturen und das Modell „Standardmensch“ durchaus sehr gut.
Doch eigentlich ist alles, was davon abweicht irgendwie sonderbar, gar ein Sonderfall, unnormal...
Vielfalt ist die Norm
Die biologische Realität ist allerdings viel breiter und variantenreicher. Vielfalt ist die eigentliche Norm, gerade auch was die neuronale Vernetzung unserer Gehirne angeht.
Damit sind Wahrnehmung, Kognition, Verhalten und Verarbeitung von Reizen höchst individuell und keineswegs standardisiert.
An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf die Feinfühligkeit zurück kommen. In den neunziger Jahren prägte Elain N. Aron den Begriff „Hochsensibilität“ dafür und stellte bei
ihren Untersuchungen fest, dass ungefähr 20% der Bevölkerung hochsensibel seien. Mittlerweile gibt es dazu sehr viel allgemein verfügbare Literatur, Ratgeber und Wissen.
Doch meiner Erfahrung nach, ist jeder Mensch aufgrund von individuellen Erfahrungen, einzigartiger Wahrnehmungsfunktion und Verarbeitung von Reizen in einem oder mehreren Bereichen ausgeprägt
sensibel.
Es spielen dabei die unterschiedlichen Sinneskanäle eine Rolle. Manche sind sehr geruchssensibel, manche haben ein besonderes Talent für Worte andere wiederrum reagieren stark auf Klänge oder
Berührung.
Und daraus ergeben sich auch gewisse Kapazitätsgrenzen. Gerade wenn jemand zum Beispiel sehr geräuschsensibel ist, ist es eine Katastrophe, in einer lauten Umgebung wie einem Großraumbüro oder
einer Fabrikhalle zu arbeiten oder sich aufzuhalten. Danach braucht diese Person eine extra Portion Erholung und das jetzt nicht unbedingt in einer Disko oder bei einem Konzert…
Vielleicht ist es an der Zeit zu differenzieren zwischen:
- technisch, mechanisch und struktureller Standardisierung, die sehr viel Sinn macht, weil sie globale Zusammenarbeit und gemeinschaftliches Handeln ermöglicht und
- der Nichtstandardisierbarkeit menschlichen Seins verbunden mit der gleichzeitigen Akzeptanz von menschlicher Vielfalt.

Wie siehst du dieses Thema? Hast du Erfahrung mit Neurodivergenz, Hochsensibiliät oder besonderer Feinfühligkeit?
Ich freu mich auf den Austausch mit dir.

Autorin: Melanie Fechner-Scholz
Hey, ich bin Melanie, Mentorin für somatische Intelligenz. Ich begleite Frauen zurück in eine entspannte, verkörperte Beziehung zu sich selbst.
In meiner Arbeit verbinde ich somatische, mentale und emotionale Klarheit mit Orientierung und innerer Ordnung.
Damit du dich leichter, sortierter und wieder in dir zu Hause fühlst.
Häufige Fragen zum Thema "Normal"
1. Was bedeutet „normal“ eigentlich – und wer legt das fest?
„Normal“ ist kein objektiver Zustand, sondern ein gesellschaftliches Konstrukt, das sich historisch entwickelt hat. Häufig basiert es auf statistischen Mehrheiten oder sogar auf den Maßstäben einer bestimmten Gruppe.
Das Problem: Diese Definition wird dann auf alle übertragen, obwohl menschliches Erleben und Verhalten sehr vielfältig ist.
Was als „normal“ gilt, ist also oft eher eine Vereinfachung als eine echte Abbildung der Wirklichkeit.
2. Warum funktionieren Normen in technischen Bereichen gut, aber beim Menschen oft nicht?
Technische und strukturelle Normen schaffen Klarheit, Sicherheit und Vergleichbarkeit, etwa bei DIN-Formaten oder im Flugverkehr. Sie reduzieren Komplexität und ermöglichen Zusammenarbeit.
Beim Menschen hingegen führen solche Vereinheitlichungen schnell zu Einschränkungen, weil sie die individuelle Vielfalt ignorieren. Biologische und psychische Prozesse sind nicht standardisierbar, ohne wichtige Aspekte menschlichen Seins auszublenden.
3. Ist Hochsensibilität wirklich eine Ausnahme oder eher die Regel?
Die klassische Einordnung spricht davon, dass etwa 20 % der Menschen hochsensibel sind.
In der Praxis zeigt sich jedoch: Jeder Mensch hat Bereiche, in denen er besonders feinfühlig ist. Sensibilität verteilt sich individuell über verschiedene Sinneskanäle und Lebensbereiche. Statt klarer Kategorien gibt es also eher ein Spektrum und damit viel mehr „Normalität“ in der Vielfalt als gedacht.
4. Was hat Neurodivergenz mit unserem Alltag und unserer Erschöpfung zu tun?
Viele gesellschaftliche Strukturen orientieren sich an einem sehr engen „Standard“. Wer davon abweicht, muss oft mehr Energie aufbringen, um mitzuhalten, sei es in lauten Arbeitsumgebungen, starren Zeitstrukturen oder sozialen Erwartungen.
Diese dauerhafte Anpassung führt bei vielen Menschen zu Überforderung und Erschöpfung. Der entscheidende Punkt ist: Nicht der Mensch ist „zu empfindlich“, sondern oft passen die Rahmenbedingungen nicht zur menschlichen Vielfalt und den damit verbundenen individuellen Bedürfnissen.
