Dystopien & Resilienz

Warum wir ständig müde sind und wie dystopische Erzählungen unsere Resilienz Brechen


1. Erschöpfung trotz Achtsamkeit?

Hast du schon einmal den Begriff der ‚anekdotischen Evidenz‘ gehört? Bis vor wenigen Monaten hatte ich selbst keine Ahnung davon, dass diese Bezeichnung existiert. Inzwischen ist mir klar geworden: Er ist ein Schlüssel, um Erschöpfung und Burnout aus einer ganz neuen Perspektive zu verstehen. Außerdem eröffnet er ungeahnte Möglichkeiten für echte Prävention.

 

 

 

Du fragst dich sicherlich, genau wie ich auch, warum du trotz bewusster Lebensweise, halbwegs ausgewogener Ernährung und das Praktizieren der vielgepriesenen Achtsamkeit im Alltag, dennoch erschöpft und ausgebrannt bist.

 

Du hast dich intensiv mit Entspannungsmethoden auseinandergesetzt, meditierst und legst bewusste Pausen ein, doch deine Batterien wollen sich einfach nicht (mehr) auffüllen? Alles erscheint dir sinnlos und leer. Du funktionierst nur noch, doch das auch immer unzureichender. Der Frust wächst und wächst, Selbstzweifel und Antriebslosigkeit bestimmen dein Denken… Und eigentlich kannst und willst du nicht mehr.

 

 

 

Wie wäre es, wenn ich dir sage, dass das Problem gar nicht komplett bei dir individuell liegt? Das es einen viel komplexeren Zusammenhang gibt, der auch die aktuelle kollektive Erschöpfung mit bedingt?

 

 

 

 

In meinen Beiträgen zur mentalen Gesundheit bin ich auf die strukturellen und aktuellen gesellschaftlichen Dimensionen von Erschöpfung und Burnout eingegangen.

 

Du findest sie hier:

Mental Health Teil I,

Mental Health Teil II und Teil III.

 

Die psycho-emotionale Ebene von Erschöpfung habe ich in folgenden Artikeln beleuchtet: Psycho-emotionale Gesundheit Teil I und Teil II

sowie im Artikel: „Emotionen als Spiegel deiner sozialen Wirklichkeit“.

 

 

2. Eine Reise in die frühe Neuzeit

Heute möchte ich dir aufzeigen, wie anekdotische Evidenz unser gesamtes Weltbild geformt hat und immer noch formt und wie daraus eine Spirale der Erschöpfung entstanden ist. Es handelt sich dabei um meine persönliche Recherche, Erfahrungen aus der Praxis und sich daraus ergebende Perspektiven.

 

Ich lade dich ein, mit mir auf eine historische Reise zu kommen. Wir reisen zurück ins 18. Jahrhundert in die frühe Neuzeit, in der Entdeckungen, Machtstreben und wissenschaftliche Theorien den Grundstein für unser heutiges Denken legten. Es ist die Welt von Thomas Robert Malthus, Charles Darwin und ja, auch Jane Austen.

 

 

 

Charles Darwin (1809-1882) ist dir sicherlich ein Begriff aus dem Biologieunterricht, er entwickelte die Evolutionstheorie, die die komplexe Entwicklung der Arten auf unserem Planeten erklärte.

 

3. Dystopia eines britischen Nationalökonomen

Thomas Robert Malthus (1766-1834) ist dir wahrscheinlich eher unbekannt (ich kannte ihn bis dato auch nicht). Er war ein britischer Nationalökonom, der aufgrund von anekdotischer Evidenz aus einer privilegierten Position heraus eine Theorie zur Bevölkerungsentwicklung ersann. Diese hatte maßgeblichen Einfluss auf die Arbeiten von Darwin und zeichnete gleichzeitig ein düsteres Bild der Zukunft der Menschheit.

 

 

 

 


Die Kernthese von Malthus besagte, dass die Bevölkerungszahl exponentiell zunimmt und die Nahrungsmittelproduktion langfristig nicht Schritt hält, da sie nur linear wachse. So komme es früher oder später zu einer Diskrepanz in der Versorgung aller Menschen mit Lebensmitteln.

 

Weiter schlussfolgerte er daraus, dass diese Lücke zwangsläufig zu einem Punkt führt, an dem nicht genug Ressourcen für alle Menschen vorhanden sind.

Wichtig zu wissen ist, das Malthus selbst in eher ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist und es höchstwahrscheinlich immer wieder Knappheit von Lebensmitteln in seiner Kindheit gegeben hatte. Möglicherweise eine Wunde, an der er zeitlebens litt?

 

 

Seine These klingt im ersten Moment einleuchtend und stimmig, nicht wahr? Und irgendwie existiert ja auch heute die gleiche Diskussion wie damals schon. Die Grenzen des Wachstums sind erreicht, der Club of Rome warnt seit den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

 

 

Doch Malthus ging noch weiter. Er erklärte mit der Diskrepanz zwischen Bevölkerungswachstum und begrenzten Ressourcen die Ursachen für Armut, Hunger, Krankheiten, die Entstehung von Slums und die damit verbundenen sozialen Unruhen in den englischen Großstädten seiner Zeit. Laut Malthus handelte es sich um einen naturgesetzlichen Zyklus.

 

Er betrachtete Krieg, Hunger und Krankheit als natürliche „Korrektive“, die die Bevölkerung auf ein tragfähiges Niveau zurückführten.

 

 

4. Konsequenz für  moderne Resilienz

Hier, im 18. Jahrhundert, nimmt eine Erzählung Fahrt auf, die bis heute unser Denken formt: Die Idee, dass Mangel unvermeidlich ist und dass wir uns deshalb ständig im Kampf befinden.

 

Die Dystopie war geboren.

 

Und sie boomt nach wie vor in unserer modernen Zeit auf der Kinoleinwand und ist die Storyline erfolgreicher Hollywoodblockbuster. 


Daneben hat sich diese Geschichte massiv in unsere Systeme, unsere Wirtschaft und sogar in unser Selbstverständnis eingegraben. Dabei bildet sie den Nährboden für eine Kultur, die Konkurrenz über Kooperation stellt.


Solche Bilder von unvermeidbarem Mangel wirken wie unsichtbare Programme in unserem Denken. Sie nähren die Überzeugung, dass Überleben nur im ständigen Wettkampf möglich ist und genau das schwächt unsere Resilienz. Denn wer dauerhaft in Konkurrenz lebt, lebt im Modus der Erschöpfung.

 


 

Nun fragst du dich zu Recht, was das alles mit deiner persönlichen Erschöpfung zu tun hat?

5. Impuls: Erkenne die Geschichten, die du erzählst

Unsere Gedanken sind selten neutral.

 

Häufig sind sie von gesellschaftlichen Erzählungen durchzogen, die wir unbewusst übernehmen. Viele dieser Geschichten handeln von Mangel, Elend und Bedrohung. Es gibt tausende Bücher, Filme und Hörspiele, die dieses Narrativ nähren. Ob es die Angst vor Überbevölkerung oder die Furcht vor dem „Aussterben“ ganzer Kulturen ist – im Kern spiegeln sie dasselbe Muster: ein Denken in Mangelzuständen statt in Möglichkeiten.

 

 

Doch was wäre, wenn wir diese Geschichten bewusst wahrnehmen und hinterfragen? Was, wenn du beginnst, neu zu entscheiden, mit welchen Geschichten du deinen Geist fütterst? Welche ungewöhnlichen Wege wären sichtbar, wenn wir die Erzählungen verändern und statt dystopischen Szenarien eine Kultur der Kooperation und Fülle kultivieren?

Vielleicht hast du Lust, hier für dich persönlich ein bisschen tiefer einzusteigen. Dann habe ich ein kleines Training für dich.

 

 

6. Mein Fazit

Mich jedenfalls machen die Dystopien und Katastrophenbilder unglaublich müde.

 

Doch gleichzeitig weiß ich jetzt, dass sie im Geist eines britischen Gelehrten entstanden sind, der vielleicht selbst in seiner Kindheit Hunger und Mangel erfahren hat. Das hat ihn sicherlich sehr geprägt und sein Denken nachhaltig beeinflusst.

 

Und irgendwie ist das auch beruhigend, denn wenn ich mich in meinem Umfeld umsehe, haben alle genug zu Essen und leben eher im Überfluss als im Mangel. Es ist sogar ins Gegenteil gekippt und eher ein Zuviel als Zuwenig. Aber das ist wieder ein anderes Thema...

 

 

 

Im Folgeartikel erzähle ich dir, wie Darwin’s Evulotionstheorie durch das Narrativ von Mangel und Krieg maßgeblich beeinflusst wurde und ebenfalls unser modernes Denken prägt. Und wir decken gemeinsam historische Fakten auf, die beide Zeitgenossen übersehen haben. Aspekte, die einige Frage aufwerfen!

 

 


Autorin: Melanie Fechner-Scholz

 

Hey, ich bin Melanie, Mentorin für somatische Intelligenz. Ich begleite Frauen zurück in eine entspannte, verkörperte Beziehung zu sich selbst.

 

In meiner Arbeit verbinde ich somatische, mentale und emotionale Klarheit mit Orientierung und innerer Ordnung.
Damit du dich leichter, sortierter und wieder in dir zu Hause fühlst.