Die sozial verträgliche Marotte oder wenn Fürsorge eskaliert


Marotten als vorinstallierte, neuroemotionale Software

Marotten sind vorinstalliert und werden gratis bei der Geburt mit ausgeliefert. Manche Eigenarten sind sozial verträglich, manche lösen ein Störgefühl aus.
Doch Fakt ist: Jeder hat Spleens! Ohne sie wäre das Leben auch ein bisschen langweiliger und eintöniger.

In den letzten Monaten habe ich viel darüber nachgedacht, was Beziehungsgeflechte, die Erfahrung von Fürsorge und Selbstwirksamkeit mit uns macht. Dabei ist mir aufgegangen, dass die größte Macke, die fast alle unbemerkt kultivieren folgende ist: 

Ich meine es ja nur gut!“ 

(Was im Klartext soviel heißt wie: „Ich weiß genau, was gut für dich ist, jetzt höre auf mich und mache es so wie ich es will und dir sage! Denn nur so wie ich es mache/sehe/meine ist es richtig!“)

 

Kommt dir das irgendwie bekannt vor?

Gerade in engen Beziehungen halten wir es schwer aus, wenn eine innige, vertraute Person andere Wege geht, als die vorgegebenen und vorgesehenen. Oder Wege, die den eigenen Werten, Vorstellungen und Empfindungen widersprechen. 


Es fühlt sich manchmal wie eine persönliche Beleidigung an, wie eine Abwertung des eigenen Lebensweges, eine Ablehnung eigener Lebensentscheidungen, wenn eine vertraute Person Entschlüsse fasst, mit denen du nicht einverstanden bist oder die du (noch) nicht nachvollziehen kannst. Wenn sie ganz anders handelt, als verabredet oder eine abweichende Haltung/ Meinung vertritt.


Gedanken wie: „Sie rennt sehenden Auges in ihr Unglück!“ „Was soll nur aus ihr werden?“
„Warum macht sie dass? Ich hab sie doch so sehr unterstützt. Jetzt war alles umsonst.“
„Das verstehe ich jetzt aber gar nicht.“ kreiseln dann durch den Kopf. Und rauben häufig den erholsamen Schlaf.

 

Chronische Kränkung

Das persönlich nehmen oder auf sich beziehen ist dabei der größte Hemmschuh, denn meist treffen Menschen Entscheidungen aus einem inneren Impuls heraus.  Die dabei zugrunde liegende Haltung oder Erfahrung hat in der Regel nichts mit der Lebenseinstellung oder Erwartung des Gegenübers zu tun. Sondern Entscheidungen, Verhalten oder Worte sind die nach außen sichtbaren inneren Reife- und Gedankenprozesse der betreffenden Person.

 

Wie kommt es, dass wir häufig der Meinung sind, besser über einen anderen Menschen Bescheid zu wissen, als die Person selbst?

Die Wurzel liegt wahrscheinlich in der uns angeborenen Fürsorgefähigkeit. Du und ich als Menschen sind so gestrickt, dass wir gegenseitig füreinander sorgen, aufeinander aufpassen.

 

Zum einen, weil wir als unfertige Wesen in diese Welt hineingeboren werden. Wir können weder laufen, noch uns selbst ernähren, noch uns schützen, kleiden, wärmen. Von Anfang an sind wir auf die Pflege durch andere Menschen angewiesen. Sonst überleben wir nicht. 


Andererseits ist es genau dieser Fürsorgeerfahrung, die wir von Beginn unseres Lebens an erleben. Die erste und basalste Erfahrung, die du in diesem Leben realisierst, ist die, dass sich um dich gesorgt wird. Du bekommst Pflege, Nahrung, Zuwendung, Aufmerksamkeit. Die Dinge, die dich wachsen und gedeihen lassen.

 

Deine engen Bezugspersonen sind anfangs Tag und Nacht für dich da, 24/7 heißt die Zauberformel. Du spürst also bereits sehr früh, nachhaltig und existenziell, das die Fähigkeit anderer Menschen, Fürsorge zu geben, Bedürfnisse zu lesen und zu erfüllen überlebenswichtig für dich ist.

Es ist also eine Art Gewohnheit, gleichzeitig aber auch wichtige Kompetenz, dass wir gegenseitig unsere Bedürfnisse „lesen“ können.

 

Als Säugling ist es unglaublich wichtig, dass Bezugspersonen intuitiv verstehen und wissen, was gerade gebraucht wird und dies dann auch angemessen umsetzen.

 

Empathie als Superkraft und Manipulationsinstrument

Gerade Menschen, die sich viel und langfristig um Säuglinge, Kinder und pflegebedürftige Menschen kümmern, verfeinern und erweitern die Kompetenz Bedürfnisse zu lesen immer weiter. Sie werden sozusagen Experten für die Bedürfnisse der anderen.

 

Und in gewisser Weise sind wir das alle irgendwie: Expertin für fremde Bedürfnisse. Vor allem traditionelle Rollenbeziehungen tragen dazu bei, dass insbesondere Frauen diese Expertise perfektionieren. Daraus entwickelt sich eine enorme emotionale Intelligenz und Empathiefähigkeit.

Die andere Seite der Medaille ist übergriffige Fürsorge oder zugespitzt:

wenn Fürsorge eskaliert.

 

Wenn Grenzen verschwimmen oder wenn man vor lauter Fremdfürsorge die eigenen Bedürfnisse nicht mehr kennt. Gar nicht mehr weiß, was eigentlich gut für sich selbst ist. Das beobachte ich sehr häufig bei Menschen in therapeutischen, helfenden Berufen aber genauso bei Personen, die es gewohnt sind, sich permanent um andere zu kümmern. 

Und auch Menschen mit viel Lebenserfahrung neigen dazu, die „Besserwissen-Macke“ stetig zu leben. Ungefragt geben sie ihren Rat, Empfehlungen oder gar Befehle, wie etwas ihrer Auffassung nach zu laufen hat, wie etwas gemacht werden sollte oder welches Verhalten ihrer Ansicht nach angemessen sei.

Die Gefahr, manipuliert zu werden oder selbst zu manipulieren ist besonders bei empathiekompetenten Menschen besonders hoch. Denn die Haltung „Ich meine es ja nur gut“ ist wie bereits festgestellt ziemlich weit verbreitet, ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, dass wir alle davon infiziert sind.

Stetiger Wandel in uns allen

Was dabei keine Berücksichtigung findet: die Welt, du, ich, wir alle befinden uns in einem stetigen Wandel. Gleichsam sind wir selbst ebenfalls der Wandel.

 

Du bist nicht mehr die gleiche Person wie vor einer Woche. Ich bin nicht mehr die Person, die ich vor 10 Jahren war und die Welt hat sich auch weitergedreht. Das was gerade üblich ist unterliegt immer dem aktuellen Zeitgeist, aktuellen Erkenntnissen und dem aktuellen, individuellen Entwicklungsstand. Und der kann morgen bereits ganz anders sein als noch gestern.

Meiner Erfahrung nach ist es durchaus wichtig, empathisch zu sein, emotional intelligent zu handeln und sich mitfühlend zu verhalten.

Doch in dem Maße, in dem du das für andere tust, darfst du das auch für dich selbst. Denn wenn du all deine Kapazitäten verausgabst, Bedürfnisse von anderen liest und diese erfüllst, bleibt nichts mehr übrig für die Selbstpflege. Die ist genauso relevant und wichtig, wie das Kümmern um dein Umfeld.

Das rechte Maß ist entscheidend, ob etwas noch gut tut oder bereits Grenzen überschreitet. Individuelle Balance macht den Unterschied.

 

Und auch die Fähigkeit, einfach mal Schweigen zu können, denn jeder hat das Recht, in sein (aus deiner Perspektive) potenzielles Unglück zu rennen, zu verwahrlosen oder einfach nur den eigenen Weg zu gehen.

 

Ein zweischneidiges Schwert

In Wirklichkeit können wir immer nur erahnen, was in einer anderen Person vor sich geht, was sie braucht und was ihr gut tut. Denn stetiger Wandel wandelt auch die Strategien, mit denen wir Bedürfnisse erkennen, benennen und erfüllen.


Bedürfnisse sind der kleinste gemeinsame Nenner zwischen uns allen. Nur wie wir mit ihnen umgehen, was wir tun, um sie zu befriedigen ist sehr individuell und entwickelt sich im Laufe der Zeit weiter.

Du siehst, die kollektive Marotte „Ich meine es ja nur gut!“ ist ein zweischneidiges Schwert und birgt sozialen Sprengstoff, führt zu Gewissensbissen und stressigen Situationen.

 

Sie zeigt zwar, dass es uns als Mensch wichtig ist, für andere da zu sein und wirklich wirksam zu sein. Gleichzeitig birgt sie die Gefahr des Übergriffs und der Besserwisserei, die niemandem wirklich hilft. Eher im Gegenteil, sie bewirkt ein schlechtes Gewissen, manipuliert und dient eher der Aufmerksamkeit desjenigen, „der es ja nur gut meint“.

Meiner Erfahrung nach, darf ein gut gemeinter Rat zurückgehalten werden und erst, wenn explizit darum gebeten wird, macht es Sinn, die eigene Sicht der Dinge mitzuteilen. Ich glaube, dann spart man sich einiges an psychoemotionalem Stress, indem man einfach übt, im richtigen Moment zu schweigen.

 

Was ist denn nun sozial verträglich und gleichzeitig fürsorglich ohne „spleenig“ zu sein?

Ich finde, diese Frage fängt bei dir selbst an. 


⭐Wie begeistert bist du, wenn es jemand „nur gut meint“ ohne vorher zu fragen, ob es gerade angebracht ist? 
⭐Wann wünschst du dir wirklich Unterstützung und bist du in der Lage darum zu bitten?

⭐Wie oft hast du es schon „nur gut gemeint“ und warst dann irritiert, wenn der Dank ausblieb?

Diese Fragen kannst nur du für dich beantworten, dabei gibt es kein richtig und kein falsch, sondern nur das Erkennen und bewusstmachen dieser Dynamiken.



Autorin: Melanie Fechner-Scholz
 
Hey, ich bin Melanie, Mentorin für somatische Intelligenz. Ich begleite Frauen zurück in eine entspannte, verkörperte Beziehung zu sich selbst.
In meiner Arbeit verbinde ich somatische, mentale und emotionale Klarheit mit Orientierung und innerer Ordnung.
Damit du dich leichter, sortierter und wieder in dir zu Hause fühlst.



Häufige Fragen zur „sozial verträglichen Macke“

1. Was ist eine „sozial verträgliche Macke“?

 

Eine sozial verträgliche Macke ist ein Verhalten, das gesellschaftlich akzeptiert oder sogar belächelt wird, obwohl dahinter oft Stress, Kontrolle, Unsicherheit oder emotionale Kompensation stehen können. Nicht jede Gewohnheit ist problematisch, aber manche Verhaltensweisen werden normalisiert, obwohl sie innerlich belasten.

 

2. Wann wird Fürsorge ungesund?

 

Fürsorge wird dann ungesund, wenn sie statt unterstütztend zu wirken, Kontrolle übernimmt. Das kann in Beziehungen, Familien oder auch im Gesundheitsbereich passieren. Übermäßige Fürsorge kann dazu führen, dass Menschen ihre Eigenverantwortung verlieren oder sich emotional abhängig fühlen.

 

3. Warum erkennen viele Menschen ihre eigenen Muster nicht?

 

Weil viele Verhaltensweisen sozial anerkannt sind. Leistungsdruck, permanentes Funktionieren, Kontrolle oder ständige Selbstoptimierung gelten oft als „normal“. Gerade deshalb bleiben innere Überforderung oder dysfunktionale Muster lange unbemerkt.

 

4. Was ist der Unterschied zwischen echter Fürsorge und Kontrolle?

 

Echte Fürsorge stärkt die Selbstständigkeit eines Menschen. Kontrolle dagegen entsteht häufig aus Angst, Unsicherheit oder dem Wunsch, Unangenehmes zu vermeiden. Der Unterschied zeigt sich daran, ob Entwicklung möglich bleibt, oder ob jemand klein gehalten wird.

 

5. Können psychische Belastungen hinter alltäglichen Gewohnheiten stecken?

 

Ja. Hinter scheinbar harmlosen Routinen oder Eigenheiten können emotionale Belastungen, chronischer Stress oder ungelöste innere Konflikte liegen. Nicht jede Macke ist krankhaft, aber manche Verhaltensmuster verdienen einen ehrlichen Blick.

 

6. Warum ist Selbstreflexion so wichtig?

 

Selbstreflexion hilft dabei, zwischen Persönlichkeit, Gewohnheit und ungesunden Kompensationsmustern zu unterscheiden. Wer sich selbst besser versteht, kann bewusster entscheiden, was wirklich guttut, statt nur gesellschaftlichen Erwartungen zu folgen.