Wie zersplittert ist dein Leben? - Eine Anamnese zum Selbermachen


1. Das wichtigste Mittel in Medizin und Heilkunst

Das wichtigste Werkzeug in der Medizin und auch für mich als Heilpraktikerin ist die Anamnese.
Eine gründliche Anamnese zu erheben, bedeutet, deine Vorgeschichte, vor allem in Bezug zu deiner Gesundheit zu erforschen. 
Bereits einer meiner Lehrer in der Krankenpflegeausbildung insistierte mit folgender Redewendung, um uns zu verdeutlichen, wie wichtig das Fragen ist: „Anamnese ist alles!“. (Gruß an Enzi geht raus😉)

In der Ausbildung zur Osteopathin hörte ich dann nochmals ähnliches: „Mit einer gründlichen Anamnese bekommt ihr mindestens 90% der Information, die ihr benötigt, um angemessen und erfolgreich behandeln zu können und die richtigen osteopathischen Techniken zur richtigen Zeit anzuwenden!“.

Hättest du das erwartet?

Deshalb ist es meiner Erfahrung nach so wichtig, sich mit der eigenen Geschichte zu beschäftigen. Die eigene Geschichte zu kennen und auch zu verstehen, birgt enormes Potenzial für deinen Gesundheitszustand und deinen Weg zu umfassender Gesundheit.

Meiner Beobachtung nach manövrieren sich sehr viele Menschen über längere Zeiträume hinweg in einen desolaten Gesundheitszustand. Sie achten wenig bis gar nicht auf ihren Ressourcenhaushalt, betreiben über Jahre Raubbau an der eignen Substanz ohne sie angemessen wieder aufzufüllen oder zu regenerieren. 

Frage ich dann detailliert nach oder erkläre bestimmte Zusammenhänge, nehme ich oft Staunen wahr. Es wird sehr deutlich, dass viele Verknüpfungen von Lebensstil, Körperbewusstsein und Verhalten dabei nicht wirklich bekannt sind. Symptome und Zustände des Körpers werden als plötzlich auftretend sowie akut unangenehm bewertet, die bitte sofort aufhören sollen.
Es steckt meiner Erfahrung nach meist keine böse oder destruktive Absicht hinter unbewusstem selbstzerstörerischem Verhalten. Es ist schlicht tatsächlich eine Kombination aus mangelndem Bewusstsein und Strukturen des modernen Alltags, die dieses Bewusstsein weiter zersplittern.

2. Der Tribut des modernen Lebens

Was meine ich damit? Meiner Beobachtung und auch meiner persönlichen Erfahrung nach umfasst das moderne, idealisierte Leben ziemlich viele verschiedene Schauplätze, an und in denen es stattzufinden hat: 

  • ☦️ Ort 1 → das eigene Haus, die eigene Wohnung,
  • ☦️ Ort 2 → den Job und Arbeitsumgebung,
  • ☦️ Ort 3 → Hobby und Freizeitgestaltung,
  • ☦️ Ort 4 → Urlaubsorte und
  • ☦️ Ort 5 → auch den digitalen Raum.

 


Dir fallen bestimmt noch mehr Orte ein, an denen dein Leben stattfindet. Jeder „Lebens-Ort“ erfordert dabei ein bestimmtes Maß an Aufmerksamkeit. Gleichsam sind die verschiedenen Orte mit unterschiedlichen Tätigkeiten, Rollen und einem Kreis von anderen Menschen verbunden. Überall bist du ein bisschen jemand anderes. 

Daneben existiert die zeitliche Dimension: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Auch hier verteilt sich die Aufmerksamkeit in unterschiedlichem Maß auf diese drei Ebenen.

Du siehst, deine Aufmerksamkeit ist im modernen Lifestyle unglaublich fragmentiert und das gleich auf mehreren Ebenen und Dimensionen. Das wiederum bestimmt, wie viel Kapazität du noch für deine Gesundheit und Selbstfürsorge übrig hast.

3. Veränderungen im Ressourcenhaushalt

Im Artikel Aufmerksamkeit als Lebensenergie haben wir uns mit dem Thema Aufmerksamkeit als verletzliche Ressource und gleichzeitigem Bedürfnis beschäftigt.
Dein gesunder Ressourcenhaushalt und damit dein Gesundheitszustand ist untrennbar mit deiner Aufmerksamkeit verbunden. Hier kommt noch eine dritte Funktion der Aufmerksamkeit hinzu, nämlich Aufmerksamkeit als Fähigkeit.

Aufmerksamkeit ist simultan:

  • Ressource
  • Fähigkeit
  • Bedürfnis

Im Laufe des Lebens verändert sich das signifikant. 
Als Säugling ist Aufmerksamkeit hauptsächlich ein Grundbedürfnis. Es ist lebensnotwendig, dass wir am Beginn unseres Lebens fürsorgliche Aufmerksamkeit von wohlwollenden Bezugspersonen erhalten. 


Grausame Geschichten aus Unterbringung von Kindern in Kinderheimen vor allem in der Vergangenheit zeigten eindrücklich, dass Menschen diese Bedingungen nur mit schweren psychischen und körperlichen Schäden überstehen. Häufig können sie und niemals ein "normales" Leben führen. Fachlich wird das als Deprivation oder Hospitalismus bezeichnet.

 


Fürsorgliche Aufmerksamkeit ist also essentiell für gesundes menschliches Gedeihen. Hier ist sie zugleich Bedürfnis und Ressource.


Aufmerksamkeit als Fähigkeit im Säuglingsalter gilt vor allem den basalen Bedürfnissen, wie Essen, Schlafen, Kuscheln/ Körperkontakt. Ideal ist, wenn in dieser wichtigen Lebensphase die Grundlage für eine Balance gelegt wird. Ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen. 

 

4. Die Zersplitterung beginnt

Irgendwann ist unser Gehirn dann soweit verkabelt, dass wir auch anderen Dingen, Ereignissen um uns herum Aufmerksamkeit schenken können und Sinnesreize immer besser verarbeitet werden. Wir beginnen aktiv, mit der Welt um uns herum zu interagieren. Wobei wir das bereits von Anfang an tun, nur wird diese Interaktion zunehmend differenzierter, je weiter die Entwicklung voranschreitet.

Das ist der Anfang der Zersplitterung unseres Lebens. Ist anfangs die Aufmerksamkeit hauptsächlich auf fürsorglichen Bezugspersonen und basale Bedürfnisse gerichtet, verteilt sie sich spätestens mit dem Eintritt in die Kinderbetreuungseinrichtungen auf mindestens 2 verschiedene Orte und einen unterschiedlichen Kreis an Menschen in diesen Orten.

Hinzu kommen irgendwann Hobbys evtl. Verein, Schule, Freundschaften. Häufig findet all das an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Menschen statt. Und auch der digitale Raum entfaltet seine Wirkung bereits im Kleinkindalter.

Aufgrund der Fähigkeit, sich zu erinnern, gesellt sich dann der zeitliche Aspekt hinzu.

 

Zunächst gilt bis zu einem gewissen Grad: Je älter wir werden, desto zersplitterter ist auch unsere Aufmerksamkeit und damit das ganze Leben.

Waren dir diese Zusammenhänge klar?

5. Deine persönliche Aufmerksamkeits- Geschichte

Was hat das nun mit der oben beschriebenen Anamnese zu tun? Wie anfangs erwähnt, ist das wichtigste Werkzeug im Koffer der Heilkunst genau diese Anamnese, also deine Geschichte.


Ich lade dich an dieser Stelle ein, dir einmal anzuschauen, wo deine Aufmerksamkeit überall verteilt ist. Es wird dir Aufschluss darüber geben, wie du Aufmerksamkeit als Ressource, Fähigkeit und Bedürfnis lebst.


Wenn du magst, kannst du deine eigene Anamnese nach der folgenden Anleitung durchführen und deine eigene Geschichte schreiben. Empfehlenswert ist schriftliches Vorgehen und Selbstehrlichkeit. Du machst das ja nur für dich und bist niemandem außer dir selbst Rechenschaft schuldig.

Download
Deine Aufmerksamkeitsanamnese zum Selbermachen
Du kannst dir die PDF ausdrucken und damit deine eigene Anamnese zum Thema Aufmerksamkeit erheben. Viel Freude damit.
Anamnese-Aufmerksamkeit.pdf
Adobe Acrobat Dokument 427.4 KB

6. Und nun?

Wahrscheinlich war das ziemlich aufschlussreich für dich. Möglicherweise hattest du bereits ein paar Aha- Erlebnisse, wenn du die Fragen schriftlich beantwortet hast.

 

Im nächsten Beitrag erzähle ich dir mehr darüber, was du nun mit deiner Anamnese und den Informationen, die du dadurch gewonnen hast, anfangen kannst.

 

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Autorin: Melanie Fechner-Scholz
Autorin: Melanie Fechner-Scholz

Autorin: Melanie Fechner-Scholz

 

Hey, ich bin Melanie, Mentorin für somatische Intelligenz. Ich begleite Frauen zurück in eine entspannte, verkörperte Beziehung zu sich selbst.

 

In meiner Arbeit verbinde ich somatische, mentale und emotionale Klarheit mit Orientierung und innerer Ordnung.
Damit du dich leichter, sortierter und wieder in dir zu Hause fühlst.

 

 



Häufige Fragen zum Thema Anamnese & Aufmerksamkeit

1. Warum ist die Anamnese so wichtig?

Die Anamnese ist das zentrale Werkzeug in Medizin und Heilkunst. Sie hilft, 90% der notwendigen Informationen für eine erfolgreiche Behandlung zu sammeln. Indem sie deine individuelle Geschichte, Lebensumstände und Verhaltensmuster beleuchtet.


2. Was bedeutet „Zersplitterung der Aufmerksamkeit“?

Moderne Lebenswelten verteilen unsere Aufmerksamkeit auf viele Orte (Job, Familie, Hobbys, digitaler Raum) und Zeiten (Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft). Das führt oft zu weniger Kapazität für Selbstfürsorge und Gesundheit.


3. Wie hängt Aufmerksamkeit mit Gesundheit zusammen?

Aufmerksamkeit ist gleichzeitig Ressource, Fähigkeit und Bedürfnis. Ein ausgewogener Umgang damit ist essenziell für den Ressourcenhaushalt und damit für körperliches und seelisches Wohlbefinden.


4. Wie kann ich meine eigene Aufmerksamkeitsgeschichte reflektieren?

Nutze die Anleitung im Artikel: Notiere, an wie vielen Orten und in wie vielen Rollen du unterwegs bist, wo du dich wohlfühlst und wie du Aufmerksamkeit gibst und erhältst. Das schafft Klarheit über deine Prioritäten.


5. Warum ist Aufmerksamkeit als Säugling so entscheidend?

Fürsorgliche Aufmerksamkeit in der frühen Kindheit ist lebensnotwendig. Sie legt den Grundstein für ein gesundes Gleichgewicht von Geben und Nehmen und prägt unser Weltbild sowie den Umgang mit Aufmerksamkeit im Erwachsenenalter.


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